Liebe Kollegen der Freien Schule LernZeitRäume in Dossenheim,

zwei Tage hatte ich das Glück, bei euch hospitieren zu dürfen. Im Nachhinein kann ich wirklich „Glück“ sagen, denn ohne meine Zulassungsarbeit wäre ich wohl nie dazu gekommen, freiwillig in meinen Ferien eure Schule zu besuchen, dazu noch so früh morgens. Doch das Aufstehen hat sich wirklich gelohnt.

Der erste Eindruck eurer Schule ist eigentlich, dass es sich um gar keine Schule im klassischen Sinn handelt. Man steht in einer kleinen Garderobe mit vielen bunten Schuhen und fragt sich: „Soll ich jetzt meine Schuhe auch ausziehen? Komisch, ich hatte in meiner Schule immer Schuhe an.“ Doch diese Verwirrtheit legt sich ziemlich schnell, wenn man sieht, wie selbstverständlich die Schüler und Schülerinnen ihre Schuhe ausziehen, ihre Hausschuhe anziehen und loslegen. Man wird förmlich von den Kindern eingeladen, ihre Schule zu entdecken, den Ort, an dem sie unter der Woche morgens arbeiten, lernen und leben. Besonders das letzte Verb ist mir als erstes aufgefallen. Die Schüler und Schülerinnen leben miteinander und mit euch. Ihr duzt euch und obwohl mir das anfangs seltsam vorkam und ich mich daran gewöhnen musste, euch zu duzen, habe ich sehr schnell begriffen, welchen Effekt das für eure Form des Lernens hat. Es war sehr interessant zu sehen, welche Funktion ein Lehrer noch einnehmen kann, wenn er nicht vor 30 Schülern und Schülerinnen steht, sondern sie auf ihrem individuellen Weg auf Augenhöhe und mit Respekt begleitet. Die Eindrücke waren so zahlreich, dass man sie getrennt nur schwer nennen kann, sondern sie in ihrer Gesamtheit beschreiben muss. Man fragt sich: „Wie schaffen die das hier, dass die Kinder alle so motiviert arbeiten?“ Das liegt meiner Meinung an unterschiedlichen Faktoren. Ihr habt angenehme Gruppengrößen, auf die wohl jeder andere Lehrer neidisch wäre, das Privileg, zu zweit oder zu dritt in einer Gruppe zu sein und vor allem habt ihr die Schüler und Schülerinnen zu eigenständigen Lernern gemacht. Ich hatte zwar nur zwei Tage, um mir ein Bild von allem zu machen, doch die Selbstständigkeit der Schüler und Schülerinnen war so beeindruckend, dass ich mir für meine spätere Zeit als Lehrer vorgenommen habe, diese Eigenverantwortung und Selbstorganisation bei meinen Klassen auch zu fördern.

So viele Dinge scheinen bei euch besser zu funktionieren als an herkömmlichen Schulen. Dies mag zwar auch der Euphorie meiner Ersteindrücke geschuldet sein, jedoch stelle ich mir eigentlich „erfolgreich lernen“ genau so vor, wie es bei euch umgesetzt wird. Insbesondere das selbstorganisierte Lernen halte ich für einen wichtigen Schlüssel zum Lernerfolg von jungen und auch alten Menschen und finde es schade, dass genau das an normalen Schulen oft nicht möglich ist. Ich hatte es mir vorher immer sehr schwer vorgestellt, den Schülern und Schülerinnen große Freiräume zu gewährleisten ohne die konkreten Lernziele aus den Augen zu verlieren, aber die Art und Weise wie ihr den Bildungsplan mit euren Kompetenzrastern erweitert und somit mit den Freiräumen für die Schüler und Schülerinnen verknüpft habt, zeigt mir, dass es in der Praxis funktionieren kann.

Die eigentliche Frage, die sich mir nach diesen zwei Tagen stellt, ist die nach der flächendeckenden Umsetzungen eines Konzeptes wie das eurer Schule an allen Schulen. Wenn es bei euch so gut funktioniert und ihr in den nächsten Jahren auch die ersten Abschlussprüfungen mit euren Schülern und Schülerinnen meistert, dann muss man sich doch fragen, wieso man dieses Konzept nicht ausweitet. Meiner Meinung nach habt ihr den entscheidenden Vorteil, dass ihr durch das Schulgeld finanziell recht gut aufgestellt seid und ihr somit die Möglichkeit habt, kleine Gruppen zu bilden, als Team zu unterrichten und somit eure Ziele auch zu verwirklichen. Das ist vielen anderen Schulen leider nicht vergönnt und vielen Kindern ist es so vielleicht auch unmöglich, an eurer Schule unterrichtet zu werden. Eine Durchsetzung eures Konzeptes wird somit mit solchen bildungsfeindlichen Politikern, wie wir sie momentan haben, rein am Geld scheitern. Das ist sehr schade, denn objektiv gesehen, macht ihr es einfach besser. Hier müsste man ansetzen und sich fragen, wie man euer Konzept so weiterentwickeln kann, dass es vielleicht auch mit weniger Kosten umsetzbar wäre.

Danke für die wirklich hilfreichen und interessanten Gespräche mit euch und die vielen Eindrücke, die ich sammeln durfte. Ich habe sehr viele Ideen, Anregungen und Tipps für mich als Lerner und späteren Lehrer sammeln können und hoffe, irgendwann noch mehr Zeit bei und mit euch verbringen zu dürfen, denn neben all den Überlegungen für meine Zulassungsarbeit und den nützlichen Tipps für mich als Lehrer hatte ich vor allem eins: Spaß.

Liebe Grüße
Constantin Metzger